Bilderkrieger von Michael Kamber

„Er liebe das Gefühl, im Gefecht zu sein… Es ist ein Zustand, in dem Aufmerksamkeit, Motivation und Umgebung verschwimmen zu einem Gefühl tiefen Glücks. Silva sagt, er wolle in seinen Fotos das Unrecht festhalten. Kamber sagt, er wolle den Krieg für die Geschichtsbücher dokumentieren.“

So erfahren wir gleich zu Beginn mit welcher Motivation Bilderkrieger in der Welt Fotos schiessen.

Aktuell sieht man in einem Video einen Freelance Bilderkrieger (bei 2:50 Minuten) eingebettet bei einer Hilfsaktion.

So muß man sich offenkundig das Leben als Bilderkrieger vorstellen und so wird es in dem Buch von Michael Kamber auch geschildert.

„Während es in der US-Ausgabe vor allem um den Irakkrieg geht, liegt der Fokus von Bilderkrieger auf der Profession der Kriegsfotografen… Zusätzlich führte Fred Grimm ein langes Gespräch mit der deutschen Fotografien Anja Niedringhaus, kurz bevor sie nach Afghanistan reiste.“

So entstand ein Buch über einen Zeitraum von fünf Jahren und erzählt Geschichten von Menschen, die ihr Geld mit Fotografie in Kriegsgebieten verdienen: Bilderkrieger.

Das Buch ist sehr engagiert gemacht. Die Geschichten von Christoph Bangert, Marco di Lauro, Ed Kashi, Peter Van Agtmael, Franceso Zizola, Patrick Chauvel, Chris Hondros, Stephanie Sinclair, Yuri Kozyrev, Rita Leistner, Stanley Greene, Andrea Bruce, Anja Niedringhaus, Joao Silva, Todd Heisler, Nina Berman, Eugene Richards, Jerome Delay, Ashley Gilbertson und Don MCcullin ermöglichen eine Art Erinnerungskultur an die Kriegsfotografie.

Wie aktuell dies alles ist, sieht man an dem Tod von Anja Niedringhaus in Afghanistan. Damit bekommt ihr Interview aus deutscher Sicht noch mal mehr Gewicht bei der Frage nach dem Risiko.

Das Buch ist brutal gut, weil es so direkt die Augen öffnet wie ich es vorher noch nirgendwo gelesen habe.

Wenn in einem Interview von plündernden TV-Journalisten und Sex im Krieg zwischen Journalisten und Hotelangestellten berichtet wird, dann wird klar, wie ehrlich die Geschichten sind.

Unzählige Hinweise auf nicht gedruckte Fotos, auf eigenes Engagment mit eigenen Fotoausstellungen, auf die Art den Krieg zu fotografieren und die unterschiedlichen Sichtweisen von Amerikanern und Europäern zeigen, wie verschieden Journalismus in Theorie und Praxis ist.

Vielleicht ist der Einstieg über den Irak die gemeinsame Tür gewesen, die es ermöglichte, dann die ganze Welt der Kriege je nach Fotoreporter zu entdecken.

Das Buch ist verdammt gut – um im Jargon der Aktiven zu bleiben.

Mir gefällt vor allem die Sammlung von Erlebnissen und Erfahrungen, die hier zu finden ist.

Dabei geht es mehr um die Erzählungen vom Charakter der Menschen zwischen gut und böse, der echten Welt und der medialen Welt und dem, was zwischen den Zeilen steckt und nicht in Fotos passt.

Das Stärkste an diesem Buch ist vielleicht, daß es die Texte sind, die das erzählen, was kein Foto zeigen könnte. So ist das Buch genau das Yin und Yang des Lebens in gedruckter Form. Ein Buch mit Bildern aus Kriegen und dem, was Bilder nicht zeigen könnten: die Geschichten hinter den Bildern und hinter den Menschen.

Großartig!

Aber es ist kein Buch zum Durchblättern sondern zum Lesen. Einband, Layout, Satz und Schrift ermöglichen wunderbar leicht Lesewege, die ohne Anstrengung gelingen.

Die Analyse von Ed Kashi zum Irak ermöglicht uns ein Verständnis dafür, warum die Amerikaner Al Kaida erst zum Wachsen brachten und dann ein ganzes Land gegen sich aufbrachten: „Sie hatten überhaupt nichts gegen uns. Wir haben eine Nation erschaffen, die uns jetzt inbrünstig hasst.“

So lernen wir verstehen, warum die IS wohl eher ein Kind der Amerikaner ist und „kulturelles Unverständnis“ die größte Gefahr für gute Lösungen mit den Menschen ist.

Aber es gibt auch fotografische Lektionen wie die nach den Fotos, die wirklich etwas bewirken. Nüchtern stellt Patrick Chauvel fest: „Die Fotos, die wirklich etwas verändert haben, sind Bilder, die nicht wir gemacht haben – Abu Ghraib. Oder diese dämlichen Marines, die auf tote Taliban-Kämpfer pissen, ein desaströses Bild. Ich kenne keine Fotos, auf denen französische Soldaten auf tote Taliban pinkeln.“

So lernen wir auch noch etwas über Krieg und Haltung von Soldaten.

Ich könnte nun noch viel mehr schreiben, weil jeder Bericht einlädt zu eigenen Gedanken und den Horizont erweitert. Aber das Buch ist noch erhältlich, so daß es sich lohnt, selbst reinzuschauen.

Michael Kamber arbeitet seit 25 Jahren als Fotojournalist, vor allem in den Krisengebieten dieser Welt. Seine aufwühlenden Bilder aus Ländern wie Somalia, dem Kongo, Afghanistan oder dem Irak wurden weltweit veröffentlicht und mit dem renommierten World Press Photo Award ausgezeichnet. Viele dieser Bilder bleiben für immer in seinem Kopf, erinnern ihn an das Leid und die Grausamkeiten, die Menschen einander zufügen, und an die schwer kalkulierbaren Risiken seines Berufs, denen einige seiner besten Freunde zum Opfer gefallen sind. Aber welche Wirkung kann die Arbeit eines Kriegsfotografen in Zeiten medialer Übersättigung heute noch haben? Wie geht man mit den körperlichen und seelischen Wunden um?

Michael Kamber hat über all diese Fragen immer wieder mit seinen Kollegen gesprochen. Vor sechs Jahren begann er, diese intensiven Gespräche systematisch aufzuzeichnen. Entstanden sind dabei keine Interviews im klassischen Sinn: So offen, wie es nur unter Freunden und engen Kollegen möglich ist, erzählen einige der berühmtesten Kriegsfotografinnen und -fotografen von den ganz persönlichen Motiven für ihren Beruf, ihren Ängsten und Hoffnungen, von der dreckigen Seite des Krieges, dem Zynismus der Medienbranche und dem privaten Preis, den sie für ihre Leidenschaft zahlen: der Welt mit ihrer Kamera zu zeigen, wie sie wirklich ist.

Übersetzung und Bearbeitung: Fred Grimm mit einem Vorwort von Takis Würger

Deutsche Erstausgabe: Juni 2013

Es ist im Ankerherz-Verlag erschienen, richtig gut und voll mit Erfahrungen und Bildern.

288 Seiten mit zahlreichen Fotografien
Hardcover mit Schutzumschlag
Leineneinband
Lesebändchen
fadengebunden

ISBN13: 978-3-940138-44-6

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