Erinnerungen eines Amerika-Auswanderers an das Frühindustrielle Wuppertal lautet der Untertitel.
Ich habe dieses Buch schon während meines Studiums in Wuppertal gelesen. Damals dachte ich, daß es ein überzeugendes Dokument gegen Ausbeutung und Armut ist und etwas bei den Menschen bewegt.
Über Armut schreiben ist so undankbar wie das Thema selbst.
Mittlerweile bin ich gut 40 Jahre älter und habe dieses Buch noch einmal gekauft. Ich hatte es völlig vergessen aber es schlummerte irgendwie in meinem Hinterkopf.
Ich möchte aus dem Vorwort zitieren, das eine sehr aufmerksame Einordnung des Heimatgeschichtlers Georg Gustav Löns enthält:
„DIESE STADT
In dieser Stadt, die heute Wuppertal heißt, leben, arbeiten und wohnen über vierhunderttausend Menschen. Sie verdankt ihre Entstehung keinem Großen dieser Welt, kein Flirst schuf sie als Festung, Residenz oder Lustschloss, kein Bischof baute seinen Sitz und den dazugehörigen Dom in unserem Bergwaldgebiet.
Auch liegt sie nicht im Mittelpunkt bedeutender Straßen, auf denen Reisende in ihre berühmten Herbergen gefunden hätten oder einen urzeitalten Handelsplatz mit Zoll und Markt, der Wagen mit kostbaren Gütern angelockt hätte. Kein großer Strom führte in breiten Schiffen die Erzeugnisse fremder Länder und weiter Landschaften, reiche Kaufherren, berühmte Reisende, Wallfahrer und Reliquien zu einem sicheren Hafen mit Kontoren, Gerichten und Festhallen, Kaiserpfalzen und Machthabern des Geldes und des Adels. Nein, diese Stadt gewann alles, was sie besitzt, was sie ist und vermag, mühselig, gegen alle Ungunst von Boden, Lage und Klima. Durch harte Arbeit, Zähigkeit und wachen Verstand haben Bauern die Siedelplätze den Wäldern, allen ungebärdigen Wasserläufen, Fluss, Bächen, Siepen, Heiden und Sumpfauen abgerungen. So darf die Bürgerschaft heute sagen, es war ein erfolgreicher, aber auch ein harter Weg vom Beginn im Bergurwald bis zum heutigen Tag. Und dieser Weg führte zum Erfolg aller Bewohner, der alten mit der Ausstattung von Höfen, Land und Markanteilen, und der Zuwanderer, der Kötter, der kleinen Leute. Und dass der Weg schwer war, dass es auch Blut und Tränen gekostet hat, das wissen wir heute und aus dem Abstand von Jahrzehnten und Jahrhunderten. So wissen wir auch, dass unsere Stadt-bürgerschaft, ungesegnet von Gunst und großen Herren, ihr Selbstbewusstsein wohl begründen kann. Dazu gehört aber, dass in das Wissen um die ungezählten, ungenannten kleinen Leute. Es ins Bewusstsein aller zu erheben, ist der Auftrag der Verantwortlichen. (1970)“
Es sind diese Sätze “ Kein großer Strom führte in breiten Schiffen die Erzeugnisse fremder Länder und weiter Landschaften, reiche Kaufherren, berühmte Reisende, Wallfahrer und Reliquien zu einem sicheren Hafen mit Kontoren, Gerichten und Festhallen, Kaiserpfalzen und Machthabern des Geldes und des Adels. Nein, diese Stadt gewann alles, was sie besitzt, was sie ist und vermag, mühselig, gegen alle Ungunst von Boden, Lage und Klima“, die mich auf eine Spur bringen, auf meine Spur bringen.
Denn ich wurde am Rand dieser Region in Remscheid auf Ehringhausen in einer Siedlung der Deutschen Edelstahlwerke geboren, die für die Arbeiter der Fabrik entstand wie einige mehr drumherum.
Und ich habe mich mein ganzes Leben gewundert, wieso hier alles so mühselig ist, so viel Arbeit vorherrscht, man beim Spaziergang immer gegen den Berg gehen muß etc.
Selbst um Arbeit in Armut mußte man hier kämpfen.
Ich erinnere mich noch an die Zeit als man verlangte, daß Menschen auf Teile ihres Lohnes verzichten, um ihren Arbeitsplatz zu erhalten.
Und ich bin umso froher, daß ich einen Teil dieser Kämpfe und ihrer Mühen damals dokumentiert habe.
Ich konnte dies alles nicht aufhalten aber wenigstens visuell festhalten. Ich war mittendrin.
Das hat mich ja auch persönlich verändert und mein Schicksal mit geformt.
Und in der Gegenwart geht es ja weiter. Wer arbeitet oder gearbeitet hat, ist fast immer der Dumme.

Wenn ich zum dokumentarischen Impuls zurückkehre, dann bin ich sehr froh, daß ich dieses Buch noch einmal aus dem historischen Schatten ins Licht holen konnte.
Denn durch diesen historischen Blick kann man auch anders in die Gegenwart schauen.
Übrigens, das Buch gibt es in einer neuen Auflage im Bergischen Verlag.











